Bedrückt 

Eben war ich noch erleichtert über Mutters Entscheidung, ins Pflegeheim einzutreten. Seit gestern ist sie dort, genauer in der Reha. Anschliessend wird sie in ein Pflegeheim ziehen. 

Die Erleichterung ist einem Drücken gewichen. Seit gestern steht mir ihre ganze Schwachheit vor Augen. Und ihr Schwinden.

In ihrer Wohnung war sie die Herrin. Sie schwankte – wegen Schwindel – bon Zimmer zu Zimmer, räumte hin und her, kochte Tee. 

Sie war Gastgeberin, sie öffnete und schloss die Tür.

Nun ist sie Gast. Fremde klopfen und öffnen ihre Tür. Kein eigenes Reich, bloss ein Bett im Zimmer mit einer fremden Nachbarin.

Wenn das nicht Grund genug ist, aufzugeben? Sterben möchte sie schon lange.
Mutter ist alt und schwach. Ihre Hilflosigkeit bedrückt mich.

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Erleichtert 

Selten hat mich eine Entscheidung derart erleichtert: Mutter hat sich entschieden, nicht mehr allein in ihre Wohnung zurück zu kehren. 

Schön ist, dass sie sich selber erleichtert fühlte.

Für mich bedeutet es, ein Stück Frieden zu finden. Für Mutter, die von jeder Tochter zwei Stunden entfernt lebt, wird gesorgt. Es hängt nicht mehr alles an uns beiden.

Danke, Mama!

Stille versuchen 

Obwohl ich seit dem 22. mit Grippe im Bett liege, konnte ich die Stille nicht wirklich bei mir einlassen. Ich lenkte mich ab mit Dauerhäkeln und Hörbuchreisen. Nun geht es besser und ich vermisse die Besinnung, die ich doch hätte haben können. 

Ich zünde eine Kerze an und versuche still zu werden.

Mutter geht nicht ans Telefon. Schwester reist durchs halbe Land, um nachzusehen. 

Stille. 

Laut der Atem, der Herzschlag. 

Warten.

Der Wind schüttelt die Föhre vor dem Fenster.

Eine Elster schimpft. Alles wie immer.

Mutter wird ins Krankenhaus gebracht, unterzuckert und mit einem gebrochenen Wirbel, wie sich später herausstellen wird.

Stille.

Überleben ist das eine, wie – das andere, krächzt die Elster.

Stille. Der Wind hat sich gelegt.